„Dieser Druck, immerzu duftiges Glück auszuschwitzen. Und weil wir dadurch unser Mitgefühl verlieren, mehr und mehr und mehr, bis wir die glücklichsten Arschlöcher aller Zeiten geworden sind.“ – Tim von myMONK

Tims Artikel „Dein Unglücklich-Sein kotzt mich an“ hat mich ehrlich gesagt geschockt. Nicht nur wegen der krassen Sprache, die mit Ausdrücken gespickt ist und dafür als authentisch bejubelt wird, sondern auch weil glücklichen Menschen ihre Fähigkeit zur Empathie abgesprochen wird.

Daraufhin habe ich die knapp hundert Kommentare gelesen und angefangen zu recherchieren.

Mich interessieren dabei insbesondere zwei Fragen, die Tims Artikel zurecht aufgeworfen haben.

– Gibt es in der heutigen Gesellschaft einen Glückszwang?

Sind glückliche Menschen weniger mitfühlend und haben die Tendenz einsame Arschlöcher zu werden?

Diese Fragen interessieren mich, weil ich bald ein Buch herausbringen werde, dass sich um Denken und Glück dreht. Bin ich somit jener der auf den Glückszug aufspringt und eine unerkannte diktatorische Herrschaft des Glücks unterstützt? Bringt mein Artikel wie das „Lebensrestaurant“ insgeheim mehr Leser zum weinen, weil sie sich nun mehr unter Druck fühlen und ihre Trauer verurteilen?

Gehen wir die Fragen nach und starten… mit einem Witz.

Glückszwang Witz

Ich für meinen Teil habe keine Lust über Glück zu schreiben und dabei nicht zu lächeln.

Unglaublich! Wie du in fünf Sekunden, durch eine geheime Atemtechnik der Maori glücklich wirst und sieben Kilo verlierst!

Ich begann mit dem Blog weil ich ein Suchender bin. Ich wünsche mir mehr Klarheit zu den wichtigen Themen im Leben und weiß, dass für mich das beste Tool Stift und Papier ist. Insbesondere wenn ich meine Gedanken mit weiteren Lesern teile, an ihren Kommentaren wachse und mich generell mehr bemühe, wenn es mehr Augen lesen, als nur die meinen. 

Ich liebe es. Jedoch bemerkte ich ein Phänomen, das auch Tim anspricht. Andere Blogs, die Gesundheit, Geld und Glück innerhalb von fünf Minuten versprechen, mit diesen 7 Schritten (aber Achtung das (virtuelle!) Sparpaket gibt es nur in begrenzter Stückzahl) ziehen mit ihren Heilsversprechen viele Leser auf ihrer Seite.

Dies liegt u. a. daran, weil sie ihre Zeit anstatt in Psychologie- oder Philosophie Vorlesungen in Werbeagenturen verbrachten. Ihr Marketing ist genial und ihre Seminare erzeugen eine Überdosis an Euphorie, das süchtig macht (mein Professor war Dr. Kanning, der gefürchteste Widersacher von Erfolgsgurs).

Tim bloggt seit Jahren und ich kann mir vorstellen, dass er diese Entwicklungen noch viel deutlicher sieht als du oder ich. Daher ist es verständlich, wenn er schreibt:

„Bin mir sicher, dass myMONK mehr Leute anziehen würde (und ich später mehr Geld damit verdienen könnte), wenn ich mit auf den Glückszug aufspringen, das ewige Glücksgefühl versprechen und Sachen verkaufen würde, die Dir zeigen sollen, wie Du ab morgen nie wieder traurig sein wirst. Aber ich bring den Scheiß echt nicht übers Herz.“

Alleine schon aus Trotz möchte man sich diesen Blogs mit ihren Heilsversprechen entgegenstellen. Jedoch mache ich dies nicht. Ich reihe mich sogar ein und schreibe z. B. über das Gesetz der Anziehung.

Warum? Weil ich vielleicht in meiner kleinen Blase diese Übermacht an Glücksgurus sehe, jedoch nicht in der großen Blase namens Erde. Dort sehe ich immer noch Terror, Umweltverschmutzung, Massenschlachtungen von Tieren, Rassismus, Diktatoren und die Rodung von Millionen Hektar an Regenwälder.

Dazu Alkohol- und Zigarettenabhängigkeit, extremes über- oder untergewicht und arbeiten in einer Umgebung, die einen krank macht.

Sind dies Auswüchse von Geistern mit einer Fülle an glücklichen Gedanken? Resultate von denkenden Wesen, die Glück als sportliche Disziplin sehen?

„Die Verschmutzung des Planeten ist nur die Spiegelung im Außen von einer psychischen Verschmutzung im Inneren, ein Spiegel für die Millionen von unbewussten Menschen, die keine Verantwortung für ihren inneren Raum übernehmen.“ – Eckhart Tolle

Was ich sehe ist Mangelbewusstsein, Wut und eine Kontrollosigkeit gegenüber dem eigenen Verstand, der uns voneinander trennt und uns perfiden Bedürfnissen nachjagen lässt. Angetrieben von dem permanenten Gefühl nicht genug zu sein. Immer wieder nicht genug zu sein.

Das ist keine Diktatur von Glück. Das ist die Diktatur von Angst.

Deswegen versuche ich meine eigenen limitierenden Gedanken zu reflektieren und mit Schlüsselgedanken zu ersetzen, die mehr Freude fördern. Daran dürfen meine Leser teilhaben und ich bin davon überzeugt, dass man wenn auch im Kleinen die Welt insgesamt glücklicher macht. Zumindest treibt mich diese – für manche illusionärische – Vorstellung an.

Ich kann mich irren und unbeabsichtigt einen Glückszwang heraufbeschwören, der negative Gefühle nicht duldet. 

Daher suchte ich nach Statistiken, Umfragen und Trends die belegen, ob wir Deutsche wirklich unter einem Glückszwang stehen.

Leiden wir unter einem Glückszwang?

Ich recherchierte via Google, zog Statistik Seiten zur Rate, suchte nach dem Trend des Glückszwang, las Zeitungsartikel und andere Blogs. Es war nicht aufregend und ich möchte daher das Ergebnis der Recherche vorwegnehmen:

Ich glaube, dass es mehr Menschen gibt, die Blogs wie myMONK brauchen, weil sie wirklich unglücklich sind, anstatt jene, die in ihrem Leben zu wenig Trauer dulden.

Wie auch dieses einfühlsame Kommentar unterhalb von Tims Artikel zeigt.

Glückszwang - Kommentar

Sie führt weiter an…

Glückszwang Kommentar Teil II

Einen Trend habe ich jedoch gefunden: steigende Zahlen in Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund von Depression… Ja, klar darf man sich einen Jammer Tag gönnen. Jedoch sehe ich keine Menschen, die sich hin und wieder für Trauer entscheiden, sondern in ihr untergehen…

Mein Bestreben liegt nicht darin zu zeigen, dass Tim mit seinem Artikel falsch liegt, sondern ihn und andere Blogger zu ermutigen weiterhin Artikel zu schreiben, die aufzeigen, wie man glücklich sein kann. Die mehr Einblick in unsere Psyche gewähren, um jene Perspektiven einnehmen zu können, die uns glücklicher machen.

Es braucht sie.

Millionen Menschen glauben immer noch ihre Gedanken zu sein. Hören auf ihren inneren Kritiker. Lassen sich von vergangenen Ereignissen entmutigen, fühlen sich gehetzt, ausgebrannt und finden keine Antwort auf ihre Sinnfragen.  

Ich sehe einen Bedarf in der Welt nach bestärkenden Artikel. Geschichten, die Optimismus versprühen. Die das Gute in uns aufzeigen.

Doch der Artikel „Dein Unglücklich-Sein kotzt mich an“ und die Kommentare darunter fühlen sich wie aufgeben an…

Die Welt ist scheiße. Es passiert scheiße. Alles ist scheiße. Du hast keine Macht und wenn du das leugnest hast du einfach unglaublich viel Angst vorm Leben. Und fast alle glückliche Mensch da draußen sind eigentlich nicht glücklich, sondern tragen eine Maskerade, weil es gesellschaftlich nicht angesehen ist traurig zu sein.

Es erinnert mich stark an Mark Manson, der früher zu meinen Vorbilder zählte, mit dem tollen Buch „Models: Attract Women through Honesty“. Heute veröffentlicht er Artikel, wie „9 Steps for hating yourself a little less“ und das Buch „The subtle Art of not giving a fuck“…

Spring auf den Glückszug – wir brauchen dich

Diese optimistischen Artikel und Geschichten, die Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern und bestärken haben nichts damit zu tun auf einen monetär betriebenen Glückszug aufzuspringen. Es ist ein Pendant für das alltägliche Bombardement an Schreckensnachrichten, die Milliarden Zuschauer erreichen und die schlimmsten Seiten der Menschen in fünf Minuten pressen.

Jene, die Angst und Wut fördern. Die Zuschauer dazu bringen rechtsradikale Parteien zu wählen, weil sie Angst vor der Fremde bekommen…

Aus diesem Grund bin ich dankbar für jeden, der über Glück schreibt/spricht und Optimismus fördert. Es geht schon lange nicht mehr darum für uns selbst glücklich zu sein, sondern für unsere Mitmenschen. 

Einer der schönsten Aussagen von einem Filmcharakter findet sich in „Midnight in Paris“. Die Rolle Gertrud Stein gibt Gil einen Rat, den ich mir seitdem beherzige: „We all fear death and question our place in the universe. The artist’s job is not to succumb to despair, but to find an antidote for the emptiness of existence.

(The job of the artist from Alexandre Bessa on Vimeo.)

Wir brauchen nicht mehr Menschen, die auf jene Leere der Existenz hinweisen, sondern uns Wege zeigen, mit ihr umzugehen. Wir wissen alle, dass es in der Welt und in unseren Leben nicht immer rund läuft. 

Dabei ist einfach aufzugeben. Es ist einfacher die Schuld bei anderen zu suchen. Es ist einfach seine Träume zu begraben. Es ist einfach „Ich kann nicht“ zu sagen. Es ist einfach „Immer ich“ zu sagen. 

Ich glaube diesen Luxus wollen sich viele behalten. Jedoch braucht es Menschen, die wirklich für ihr Glück „arbeiten“. Die Gewohnheiten und Denkweisen entwickeln, die sie und andere täglich bestärken. Was wir dringend brauchen sind mehr glückliche Menschen, die ihr Glück teilen.

Das ist der schwierige Weg. 

Glücksgewohnheiten

Aus diesem Grund war ich sauer, als ich nachfolgende Behauptung las, die zur zweiten Frage führt. 

Sind glückliche Menschen weniger mitfühlend und überheblich?

Glückszwang

Welcher wirklich glücklicher Mensch verurteilt so seine Mitmenschen? Welcher wirklich glückliche Mensch geht solchen Gedanken nach und sagt sie seinem Gegenüber mitten ins Gesicht?

Egal von welchen Menschen Tim hier spricht. Die Bezeichnung, dass jene glücklich sind passt hier nicht! Dalai Lama macht unmissverständlich klar:

„Empathy and compassion are the source of all happiness and success.“

Für wirklich dauerhaftes Glück braucht es die Überwindung der Illusion der Trennung, um wie Einstein schreibt, den „Kreis unseres Mitgefühls [zu] erweitern und allen lebenden Kreaturen und die Natur in ihrer ganzen Schönheit miteinbeziehen.“

Glück fördert Mitgefühl und vice versa. Wann verschenken wir Fremden ein Lächeln? Wann haben wir die Kraft, andere zu bestärken? Wann streben wir nach größeren Visionen, als nur die Befriedigung unserer Bedürfnisse? Wenn wir glücklich sind.

Gegenfrage: Wann drehen sich unsere Gedanken nur um selbst? Wann fühlen wir uns getrennt von allen?

Menschen verletzen Menschen, wenn sie selbst verletzt sind. Oder wie Charlie Chapplin sagt:

„Nur wer nicht geliebt wird, hasst“.

Diese überheblichen, bösartigen Aussagen kommen nicht von glücklichen Menschen, die an das Gesetz der Anziehung glauben.

Nein, jene Menschen kennen die Mechanismen unseres Verstandes und halten sich an Platons Sprichwort: „Sei gütig zu allen Menschen, denn jeder, dem du begegnest, kämpft ein schwerer Kampf.“ 

Der Artikel richtet sich somit nicht gegen glückliche Menschen, denn diese würden jene Sätze nie übers Herz bringen. Keine Chance. Es richtet sich gegen spirituelle Superioristen (superior = überlegen). Jene Menschen, die meinen durch ihr spirituelles Wissen über andere zu stehen.

Spirituelle Superioristen

Spirituelle Superioristen Teil I

Spirituelle Superioristen Teil II

Spirituelle Superioristen Teil III

Spirituelle Superioristen Teil IV

Spirituelle Superioristen bezeichne ich als jene, die zwei Seminare besucht haben und dann meinen ihren Freunden und Liebenden den Rücken zu kehren, weil sie ja so gewachsen sind. Jene, die plötzlich der Meinung sind, dass freie Liebe spirituell reifer wären und dabei nicht sehen, wie sie ihren Partner Schmerzen zufügen. Jene, die meinen, dass sie Kraft ihrer Gedanken alles richten können und Ärzte und Psychotherapeuten kategorisch ablehnen. 

Vor allem sind es jene, die durch spirituelle Praktiken sich mehr von ihren Mitmenschen entfernen…

Genauso, wie es Tim in seinem Artikel beschreibt.

Ich glaube, dass wir sehr viel machtvoller sind, als uns beigebracht wurden. Das uns in der Tat am meisten unser eigenes Licht ängstigt, wie es Marianne Williamson beschreibt. Jedoch nur in Einklang mit dem Leben/Natur/Universum/Gott.

Wenn wir lernen als Werkzeug für das Glück aller zu dienen und dabei selber Glück, Liebe und Fülle erfahren dürfen.

Davon bin ich überzeugt. Deswegen gibt es den Kellner im Lebensrestaurant und Karl bestellt nicht alles durch die Kraft seiner Gedanken. Eine endgültige Auflösung und Verständnis wird es im zweiten Teil vom Lebensrestaurant geben, dass ich in meinem Buch veröffentlichen werde. 

Mein Fazit

Ich habe habe oft das Gefühl mein Glück hinunter drosseln zu müssen, um andere nicht zu verletzen… Um anderen nicht ein zu krasser Spiegel zu sein.

Ich sehe kaum Menschen, die sich leidenschaftlich um ihr Glück kümmern und Verantwortung über ihr Denken übernehmen – für sich und ihre Mitmenschen.

Und ja, es gibt Millionen Menschen, denen es schlechter geht als uns. Ich glaube jedoch, dass unser mit-leid ihnen nichts nützt. Sie wollen es nicht. Doch was sie brauchen ist unser Mitgefühl und dies ist an unser Glück gekoppelt.

Was meinst du?


Mehr Ideen, wie wir die Welt retten können (oder erstmal uns selbst ;)) gibt es in meinem Post für Querdenker. Ich wünsche mir ein Brotherhood aus Freigeistern aufzubauen, die sich gegenseitig unterstützen. Sei Teil davon!