Du hast dich von einer Prostituierten massieren lassen und schreibst noch darüber? Das war die Aussage von einem Kumpel. Es wird Zeit meine Tantra Erfahrungen ungeniert zu präsentieren, damit andere davon profitieren können.

Es heißt: Der erste Blick zweier Fremden gehört zu den aufregendsten Momenten im Leben. Noch aufregender wird es, wenn man weiß, dass man mit jener fremden Person bald splitternackt in einer LKW Ladung voll Mandelöl aufeinander liegen wird.

Tamara schüttelt mir die Hand. Wir lachen. Ich bin Gott so dankbar, dass er Humor erfunden hat. Sie heißt mich in das Reich des Tantra willkommen. Ich staune über ihr junges Gesicht und frage mich, ob sie ernsthaft jünger als ich ist.

Wenn ich diese Begegnung vor wenigen Tagen reflektiere, dann kann ich mein gelassenes Gemüt nicht verstehen. Es lag wohl daran, dass ich die Nacht zuvor nur ein paar Stunden geschlafen hatte. Mein Verstand war schlicht zu müde, um mich mit den Konsequenzen meines impulsiven Handels zu beschäftigen.

Doch bevor wir zu Öl und Ekstase kommen, erzähle ich über jene Nacht, die mich endgültig überzeugt hatte, Tantra auszuprobieren.

Eigentlich wollte ich an jenem Abend früh ins Bett. Auf dem Weg nach Hause von einer Veranstaltung in München verpasste ich meinen Ausstieg und landete am Augsburger Hauptbahnhof.

Ich mag es so manche Unnachlässigkeiten als göttliches Zeichen und als Aufforderung für Abenteuer zu deuten. Daher war ich neugierig, was die Nacht für mich bereithielt, kaufte ein Bier (was ich selten mache) und streifte zur Maxstraße (der Partymeile von Augsburg).

Das Wolfsrudel

Von einem Freund wusste ich, dass sich ein paar Leute aus der Schulzeit in einer Bar versammelt hatten. Ich versuchte mein Glück und in der Tat fand ich dort ein Wolfsrudel. Trinkend, tobend und betrunken. Männer mit schweren Lederjacken. Nach hinten gegelten Haaren. Markante Kiefer. Dichte Bärte. Sie waren umgeben von schönen Frauen, die wie Monde um sie kreisten.

Ich setzte mich zu der illustren Gesellschaft und von der Stimmung mitgerissen trank ich ein weiteres Bier (okay, es war in Wahrheit ein Hugo Spritz).

Die Schnapsgläser türmten sich vor uns und mit ihnen stieg auch die Anzahl der Frauengeschichten. „Ich sag’s euch, die Kölner Mädels sind noch versauter als die Münchner. Und wie die vögeln!“ Sein letztes Wort übertönte die elektronischen Beats im Hintergrund.

Es sollte nun jedem klar sein, der ein funktionierendes Trommelfell besitzt, dass sich dieser Hüne seiner Sexualität nicht schämt. „Ich will ja niemandem mein größtes Talent vorenthalten“. Er zwinkert und die Teilnehmer der Runde lachen und heben synchron ihre Gläser.

Ich habe schon zu viele solcher Gespräche erlebt. Anhand der Reaktionen der Beteiligten kann ich herauslesen, wer schon länger kein Sex mehr hatte oder heimlich versuchte seine Unsicherheiten zu kaschieren. Ein schweifender Blick, ein kurzes Herunterziehen der Mundwinkel, ein zu lautes Lachen. Es ist immer wieder überwältigend, wenn man hinter die Fassade schaut. Es gibt nur zwei Dinge, die uns Menschen vereinen: Das Streben nach Liebe und unsere Unsicherheiten auf dem Weg dorthin.

In einem günstigen Augenblick ging ich zu dem Bild von einem Mann und fragte ihn: „Hey, taugen diese One-Night-Stands wirklich? Ich habe bis jetzt immer gegenteilige Erfahrungen gemacht.“ Diese Frage ist entwaffnend, denn ich zeige dabei meine eigene Unsicherheit. Er musterte mich, lehnte sich zu mir und brummt: „Also 80 % davon kannst du vergessen.“

Wie oft ich das schon gehört habe. Ich frage mich langsam, wer aus meiner Generation One-Night-Stands wirklich genießt. Und dies aus den Mündern von attraktiven, selbstbewussten Männern und Frauen. Wie muss es dann erst für jene sein, deren Unsicherheiten man hundert Meter gegen den Wind riecht?

Frauen, Frauen, Frauen und kein Bock

Nach der Bar gingen wir in einen Club, der vor jungen Frauen überquoll. Überall ebenmäßige Gesichter, mit schattierten Augen, für einen dramatischen Augenblick. Mit langen, gewellten Haaren und knappen Tops, die ihre Entbehrungen und Trainingseinheiten im Fitnessstudio zur Schau stellen.

Ein Paradies, möchte man meinen.

Doch mich kotzte es nur noch an. Wozu das alles, wenn so viel Unsicherheit und Unverständnis zwischen Mann und Frau herrscht? Wenn selbst beim Sex, der größten Verbindung zweier Menschen, keine Verbundenheit entsteht?

In dieser Nacht hatte ich keine Lust auch nur eine dieser Mädels anzusprechen oder gar zu verführen. Wozu? Um mein Ego zu füttern?

Oft schaffe ich es in solchen Momenten, eine andere Sichtweise einzunehmen und verspüre dann einfach nur Freude, den Mädels ein Geschenk zu machen.

Viele Männer haben keine Ahnung, wie sehr ihre Aufmerksamkeit eine Frau zum erblühen lässt. Sie sind zu sehr mit der Frage beschäftigt: „Mag sie mich?“, sodass sie mit ihren Komplimenten knausern, um nicht irgendeinen eingebildeten Wert zu verlieren. Ihre Unsicherheit hindert sie daran, das zu tun, was Männer am Besten können: Liebe zu verbreiten.

Doch ich hatte schon zu viel getrunken, um noch einen auf Great Gatsby zu machen. Daher tanzte ich, bis die Wolken wieder lila wurden und entschied mich auf das Taxi zu verzichten und lieber zu Fuß nach Hause zu laufen.

Ich nutzte den halben Mammutmarsch, um den Abend zu reflektieren. Mein Herz sehnte sich nach Verbundenheit. Nach Verschmelzung und nicht mehr nach einem Akt, der eventuell damit gerechtfertigt ist, sein Selbstwert  zu verteidigen.

Ich wünsche mir, dass Sex unsere Wunden heilt und nicht weiter aufreißt. Uns öffnet und nicht verschließt. Mehr Sicherheit schafft und unsere Verletzbarkeit ehrt. Etwas bedeutet und einfach Spaß macht.

Insbesondere in der heutigen Zeit, in der dir jedes zweite Mädel auf Instagram ihren, in Griechenland gebräunten Hintern entgegenstreckt, braucht es mehr dieser wahren Begegnungen. Meine Generation Y(ouporn) sieht diese Models und kommt nicht auf die Idee, dass auch sie sich oft verloren fühlen. Das auch sie, sie mit diesen Körpern unsicher und verletzlich sind, wenn die Schlafzimmertür hinter ihnen geschlossen wird.

Ich schwor den Sternen, mein Verständnis von Sex zu vertiefen und darüber zu schreiben – auch wenn ich keine Lust habe, zu einem Gesprächsthema in meiner Kleinstadt zu werden.

Am nächsten Morgen googelte ich „Tantra Augsburg“, recherchierte vielleicht zehn Minuten und schrieb eine Mail. Zwei Stunden später kam der Anruf, und eine nette, einfühlsame Stimmte bot mir eine Massage am selben Abend an.

Keinerlei Tantra Erfahrungen

Warum ich mich Freigeist nenne?

Weil ich grenzenlos naiv bin. Ich habe mir nicht ein Video über Tantra angeschaut. Ich habe zwar irgendwann mal mit einem Kumpel aus Berlin darüber gesprochen, aber ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung was mich erwarten würde.

Ich wusste nur, dass die Tantra Lehren, Sex als etwas zutiefst spirituelles, ja gar Heiliges betrachten. Jene Werte, die ich in den Medien und den Geschichten meiner Freunde vermisse.

Ich glaube für viele, insbesondere für Frauen, ist dieses impulsive Verhalten undenkbar. Tamara, die Tantra Masseurin, meinte nach der Massage zu mir, dass nur ca. zehn Prozent ihrer Kunden Frauen wären. Sie erzählte, dass sie für das  Thema Sex früh offen war und polyamore Beziehungen geführt hatte. Doch erst bei der Berührung mit Tantra, erkannte sie, dass selbst bei ihr viel Scham unter der Haut lag.

Sie würde sich wünschen, wenn mehr Frauen ihre Weiblichkeit und die Fähigkeit Liebe anzunehmen, in der sicheren Umgebung von professionellen Masseuren, fördern würden.

Dem Termin habe ich zugesagt. Wenn Dinge so schnell ins Laufen kommen, dann deute ich dies immer als ein positives Zeichen. Als würde sich das Universum an den Kopf langen und stöhnen: „Ja, endlich. Der Bub macht mich ganz kirre“.

Ich lag den Hörer auf und verdrängte. “Ich werde mich ganz sicher nicht von einer Massage verrückt machen lassen. Ist doch Kindergarten. Easy. Tzz, nackt sein vor einer Fremden. Auch nicht anders wie beim Schwimmengehen.”

So redete ich auf mich ein und versuchte es als alltägliche Erfahrung abzustempeln. Wer weiß, vielleicht wird Tantra wirklich mal in meinem und vielen anderen Leben eine größere Rolle spielen…

Meine kindliche Naivität bewahrte mich davor, einen Rückzieher zu machen. Denn nie hätte ich gedacht, dass diese Erfahrung mein Denken und Sein so verändern würde…

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Im Tantra geht es um die reale Erfahrung von Ekstase, um Ekstase als Ursprung und Quelle allen Seins, das Wesen aller Dinge. – Thelma Björk

Der Massageraum ist in ein warmes, oranges Licht gehüllt. Trommeln und indianische Gesänge sind im Hintergrund zu hören. Wahrscheinlich heißt die Platte „Deep sexy chillout“ oder so ähnlich.

Die Decke ist mit Stuck verziert und Straußenfedern stecken in einer Vase, die schon Cleopatra für ihre Milchbäder benutzt haben könnte.

Eine dicke Buddha-Figur sitzt in der Ecke und lächelt mir entgegen: „Ganz ruhig, junger Grashüpfer. Die Welt ist eine Illusion, gebaut aus Liebe. Dir kann nichts passieren.“ Ich erwidere ihm: „Warum lehnen dann viele Religionen Sex ab und sehen es als Hindernis auf dem Weg zur spirituellen Reife? Als etwas Verdorbenes? In der Lust verteufelt wird? Auch der Buddhismus, mein Lieber.“

Der Buddha lächelt gelassen – wahrscheinlich über meine Unwissenheit.

Was ist Tantra?

Tamara kommt mit einem Stapel Blätter zurück. „Ist das eine Rechteabtretung? Was hast du mit mir vor?“, frage ich sie. Sie lacht. Wir setzen uns hin und sie bietet mir ein Stück Schokolade an. Danach gehen wir den Fragebogen durch: Welchen Druck ich in der Massage bevorzuge, ob ich schon mal Tantra ausprobiert habe, wo meine Grenzen sind und warum ich hier bin.

„Ich möchte mehr über meine Sexualität erfahren. Ganz unschuldig. Naiv. Kindlich. Mit Spiel und Spannung. Der Göttin Tara die Hand schütteln. Weißt du?“

Sie lacht. Ich frage sie, was andere für Motive haben.

„Viele kommen aus dem Bedürfnis nach Nähe. Dem Wunsch, wirklich gesehen und wertgeschätzt zu werden. Denn in der Tantra-Massage wird der ganze Körper in vollkommener Achtsamkeit und Sensibilität berührt. Diese liebevolle und urteilsfreie Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für viele erstmal schwer anzunehmen (das werde ich auch noch an diesem Abend erfahren). Doch dies zu lernen, ist heilsam für Körper und Geist. Das ist auch der Unterschied zu erotischen Massagen. Tantriker legen Wert auf Achtsamkeit, Respekt und Liebe.“

Tamara fährt fort. „Andere kommen, weil sie wieder Lust empfinden möchten. Sie wollen nicht nur funktionieren, sondern ihre Essenz wahrnehmen. Im Tantra setzen wir sexuelle Kraft mit göttlicher Kraft gleich. Sie ist der Ursprung, aus dem wir entstehen und der uns unser Leben lang durchdringt. In der Massage lernt der Massierte sich in die Lust fallen zu lassen – über die Grenzen der Massageräume hinaus. Bis sexuelle Lust zur Lebenslust wird.“

Sie seufzt. „Unbemerkt hat sich eine subtile Körper- und Lustfeindlichkeit in unserer Gesellschaft eingeschlichen.“

Osho sagt dazu: „Keine andere Religion vertraut deinem Körper. Und wenn Religionen kein Vertrauen in deinen Körper haben, erzeugen sie eine Spaltung zwischen dir und deinem Körper. Sie machen deinen Körper zum Feind und zerstören seine innewohnende Weisheit.“

Meine These ist, dass viele von uns, paradoxerweise durch die Flut an Pornographie und „Aufklärung“ sexuell verunsichert sind. Verunsicherung schlägt um in Verteidigung und Isolation. Bei Kids ist es „uncool“ geworden, Lust zu zeigen.

Darüber zu reden, wie wichtig einem Nähe ist und dass man oft einfach nur in den Arm genommen werden möchte. Die Helden auf den Bildschirmen sind z. B. Männer, die nichts und niemanden brauchen. Jene, die erhaben sind über den Wunsch nach Zärtlichkeit. Sie brauchen nur ein Schwert und einen Feind. Das sehen Zwölfjährige.

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Wie eine Tantra Massage abläuft

„Noch eine Sache: Während der Massage bist du rein passiv. Du berührst nicht. Überlasse die Leitung deinem Körper, nicht deinem Kopf“.

Ich nicke. Das ist etwas vollkommen anderes für mich, weil ich als Mann ständig gesagt bekomme, dass ich der aktive Part bin. Sie gibt mir einen Kimono in die Hand und zeigt mir, wo die Dusche ist.

In dem Bad tänzeln Kerzenflammen und es riecht nach Vanille. Der Strahl des tellergroßen Regenduschkopfs ist so angenehm, dass ich gar nicht mehr raus möchte. Ich singe fröhlich „Time to Say Goodbye“ von Andrea Bocelli und frage mich, ob nicht ein Teil in mir doch lieber gehen möchte.

Der letzte Blick in den Spiegel. Ich komme mir vor wie Eminem vor seinem entscheidenden Rapbattle. „One Shot, one opportunity. Would you capture it, or just let it slip?“ Ich muss darüber lachen, wie mein Ego versucht eine wohltuende Massage so aufzublasen.

Einatmen. Ein Lächeln. Ein Schritt raus aus dem Bad und zurück in den Massageraum. Es geht los.

I. Wertschätzende Begrüßung

Sie steht in einem Sarong gehüllt vor der Massagebank. Ich stelle mich ihr gegenüber und sie fasst meine Hände. Wir schließen die Augen. Ohne Absprache beginnen wir im gleichen, langsam Tempo zu atmen.

„Halte deine Augen geschlossen“, flüstert sie mir zu. Sie löst ihre Hände und schmiegt sich an mich. Ich wage nicht, ein Wort zu sagen oder auch nur einen Finger zu bewegen. Ich erstarre zu einer sexy Salzsäule. Sie nimmt mich in den Arm und schenkt mir Wärme und Geborgenheit.

Mit einer sinnlichen Bewegung streift sie mir den Kimono von meinen Schultern. Dabei streichelt sie zärtlich meinen Körper und geht langsam um mich herum. Sie webt einen Faden aus Glück um mich.

Während sie über meine Haut streicht, wünscht sie mir Erfolg, Gesundheit und Liebe. Danach macht sie etwas, dass sich tief in mein Bewusstsein eingebrannt hat. Eine kleine, in Vergessenheit geratene Geste: Sie kniet sich vor mir hin und ehrt meinen Körper und meine Männlichkeit.

Ein Teil von mir möchte ihr sofort wieder aufhelfen. Doch ein anderer Teil in mir wusste, dass ich dies annehmen darf. Ich atmete tief ein und meine Brust füllt sich mit Dankbarkeit.

Wenn sich zwei Menschen vor dem Sex in solcher aufrichtigen Ehrerbietung begegnen würden… wie viele Ängste und Unsicherheiten würden sofort verfliegen?

II. Die eigentliche Tantra-Massage

Sie sagt mir, dass ich mich jetzt auf die Massagebank legen kann. Ich wünsche, wir hätten dieses Begrüßungsritual noch länger gemacht. Ich lege mich auf den Bauch. Sie massiert, streichelt, ihre Fingerspitzen tänzeln auf meinem Rücken. Auch die Straußenfeder stand nicht nur zur Deko in der Vase. Das Mandelöl riecht lecker und das Trommel- und Flötenspiel trägt mich in eine Welt voller Entspannung.

Jedoch denke ich mir nach einer Zeit: Das soll es sein? Darum macht jeder so ein Aufruhr? Mein kontrollbedürftiger Teil ist mal wieder ungeduldig.

Dies ist meine persönliche Herausforderung: Ich versuche präsent zu sein. Nicht zu kontrollieren. Nichts voranzutreiben, wie ich es in meinem Beruf oder im Sport gewohnt bin. Einfach Yin sein.

Dies ist, was ich später im Interview mit den Tantra-Experten verstanden habe: Präsenz und damit auch die Erlaubnis geschehen zu lassen, ist ein Schlüssel für erfüllten Sex (im Kontrast dazu das wilde Rammeln von Pornodarstellern – was auch in Ordnung ist, aber eine wichtige Seite von Sex nicht zeigt).

Tamara flüstert mir zu, dass ich mich umdrehen kann. Die ganze Massage ist fließend, ohne Unterbrechung. Eine Hand ruht immer auf meinem Körper, damit ein unsichtbares Band nicht abreißt. Ich fühle mich geliebt. Wie ein Kind, das nie in seinem Leben etwas Schlimmes angestellt hat.

In dem Moment wird mir klar, dass die Hände eines einfühlsamen, liebe-vollen Masseurs mehr bewirken können als tausend Worte und positive Affirmationen.

„In der Tantra-Massage geht es nicht darum zu erregen, sondern in befreiender und entspannter Absichtslosigkeit zu berühren.“

Tantriker wertschätzen den gesamten Körpertempel – auch die Genitalien. Doch jede Berührung ist absichtslos. Ohne Ziel, ohne Druck. Es muss nichts erreicht werden. In jeder Brigitte und Men’s Health steht, dass der Orgasmus nie das Ziel sein sollte.

Nach meiner Erfahrung koppeln wir unseren Selbstwert an die Fähigkeit, ob wir unseren Partner zum Orgasmus bringen können. Dadurch werden die Berührungen zielgerichtet. Es soll etwas passieren. Wie Annika Fischer schreibt: „OrgasMUSS“.

Der Supergau passiert dann, wenn Mann keinen Hoch bekommt. Nicht weil er die Partnerin nicht attraktiv findet. In seiner ganzen Scham kann er nicht artikulieren, dass sie nie neben ihm liegen würde, wenn er sie nicht attraktiv fände. Kein Bauchspeck, falsches Wort oder unterschiedlich große Brüste sind schuld, sondern nur mentaler Druck (und übermäßiger Pornokonsum).

Sie setzt sich im Scherensitz zu mir. Ihre Beine sind nun an meine Hüfte gepresst. Die Massage wird intensiver. Die meiste Zeit halte ich meine Augen geschlossen. Nun blinzle ich und sehe, wie Tamara mit geschlossenen Augen in ihren Bewegungen versunken ist.

Nur einmal zuvor habe ich es erlebt, dass eine Frau beim Sex oder während der Massage, so in ihrer Weiblichkeit erblüht. Es genießt zu geben. In Trance ist und sich leiten lässt. Diesen Augenblick wird Mann nie vergessen. Es berührt uns tief in unserem Sein und lässt uns auf ewig nach jenen Frauen dürsten, die ihre Weiblichkeit ehren. In diesem Moment wurde mir klar, dass Tamara genauso viel Freude hat zu geben und dass ich ihr nur zurückgeben kann, wenn ich mich öffne. Mich hingebe und mich meiner Lust nicht schäme.

Meine Finger krallen sich in ihre Oberschenkel. Tamara ist mit meinem Körper so verbunden, dass sie jedes Mal kurz vor vor der Überquerung des Rubikons stoppt. Daraufhin leitet sie die Energie in alle Bereiche meines Körpers.

Es fühlt sich an, als wäre mein Körper eine Glühbirne, durch die nun tausend Volt schießen. Ich versuche diese Energie zu halten, präsent zu bleiben und nicht ohnmächtig zu werden. Meine Arme werden taub und mein Körper zittert. Ich stöhne und schäme mich nicht dafür.

Als wäre ich alleine auf dieser Welt und außer mir gäbe es niemanden, der bewerten könnte. Ich lerne, mit meinen Empfindungen im Reinen zu sein. Spaß daran zu haben, dass ich wie ein angeschossener Elchhirsch klinge.

Bei der Tantra-Massage kann man zum Orgasmus kommen oder nicht. Ich komme und liege danach noch zehn Minuten auf der Massageliege und schwebe in anderen Sphären. Ich fühle mich nicht erschöpft, sondern losgelöst. Angekommen. Und habe hunger. 

Danach dusche ich im Champagnerbad der Sinne und spreche noch bestimmt eine Stunde mit Tamara. Es entsteht ein herzliches, offenes Gespräch über die natürlichste Sache der Welt. Wir lachen und umarmen uns zum Abschied. Danach schreibe ich eine Nachricht an einem Freund: „Rate mal, was ich heute Abend gemacht habe“ :D

III. Reflexion

Es hört sich vielleicht komisch an, doch an diesem Abend bin ich zum Mann gereift. Wir haben keine Rituale mehr, durch die wir zum Mann erklärt werden. Wir müssen nicht mehr mit einem Zahnstocher bewaffnet raus in die Wildnis und einen Bären erlegen. Daher weiß man(n) nicht, ob man noch Jugendlicher, junger Mann oder Mann ist. 

Ich habe mich getraut, etwas zu erleben, vor dem viele aus lauter Vorurteilen zurück schrecken. Mich einer fremden Person geöffnet. Zu meinen Sehnsüchten und Wünschen gestanden und gehandelt.

Vielleicht hat der dicke Buddha Recht. Am Ende ist das Leben doch nur ein Traum und wir haben nichts zu befürchten.


Mehr Einblicke in meinem Kopf (und Herz) gibt es in meiner Newsletter für Freunde und FreigeisterSchau es dir mal an. Tut nicht weh. ;)

Ein großes Dankeschön an:

Wolf Schneider  – Autor von „Tantra – Spiel der Liebe“ und Gründer von connection

OWK Edgar Hofer  – Autor von „Tantrischer Erleuchtung (Sex, Drugs and Meditation)

Christopher Gottwald – Sexological Bodywork, Polyamorie 

Annika Fischer  – Coach für Selbstverwirklichung und erfüllte Beziehungen

Titel: „Meine aufregende Tantra Erfahrung

Autor und Copyright: Fabian Ries

Datum: 13.November 2016

Titelbild: ©Lime Bug Bild©Janaina Saraiva Estética Integrada

Diese Geschichte darf ohne Zustimmung nicht kopiert und veröffentlicht werden.

 

Was meinst du, hat dich der Text inspiriert selbst Tantra auszuprobieren? Hast du noch Fragen, eventuell für einen Teil III?