Amelie sitzt mir gegenüber. Ihre Haut ist straff, fast makellos. „So sieht also eine Haut aus, die nie aus Zorn Furchen bildet und an der keine Tränen hinabperlen“, denke ich mir.

Amelie hatte mit Anfang zwanzig einen schweren Autounfall. Sie brach sich sämtliche Knochen und ihr Gehirn wurde beschädigt. Die Notfallchirurgen konnten sie nur am Leben halten, indem sie ihren Hirnstamm durchtrennten. Die Operation glückte, Amelie erholte sich, aber sie verlor etwas, das wir als selbstverständlich erachten.

Sie konnte nicht mehr fühlen. Damit meine ich nicht ihre haptischen Sinne. Sehr wohl kann sie zwischen warm und kalt oder nass und trocken unterscheiden. Amelie streichelt auch öfters über ihren Arm. „Ich fühle Zärtlichkeit. Auch mag ich Küssen sehr gerne, sagt sie mir während unseres Interviews.

Ich platze vor Fragen.

Eine Frage, die mich besonders umtreibt: „Die meisten Menschen nutzen ihre Gefühle als Orientierung. Wir sagen „etwas fühlt sich nicht gut an“ und beenden die Beziehung oder unseren Job. Bei anderen Situationen fühlen wir Begeisterung und wissen, dass es richtig ist. Wie fällst du Entscheidungen, wenn dir dieser Kompass fehlt?“

Amelie sieht mich ruhig an. „So sehen Augen aus, die keine Angst kennen“, denke ich mir. Dabei fällt mir auf, wie trüb die Augen anderer Menschen im Vergleich wirken.

Sie richtet sich ein wenig auf und antwortet Ich verlasse mich auf meine Intuition. Sie sagt mir immer, was richtig oder falsch ist.“ Die Antwort scheint für sie vollständig zu sein. Ich hake nach: 

„Aber ist Intuition und Gefühl nicht das gleiche?“

„Ich beobachte, dass Gefühle sehr besitzergreifend sind. Intuition ist schüchtern. Ich vernehme sie, wenn ich still bin. Es gleicht mehr einem Flüstern. Gefühle sind menschengemacht. Intuition kommt direkt von den Göttern.“

Es fällt mir schwer, meinen Blick von Amelie zu wenden. Ich glaube nicht an Engel, aber wenn es sie gäbe, würden sie so aussehen wie Amelie. Nur fallen nicht blonde, gelockte Haare bis zu ihrer Brust, sondern schwarze, glatte.

Früher sind Könige und Kriegsherren zu Frauen wie ihr nach Delphi gereist, um Rat von den Göttern zu erhalten. Damals lebten Mann und Frau in perfekter Harmonie. Die Kraft von Aufbau und Zerstörung, geleitet von Weisheit.

„Ich verstehe dies nicht. Warum sind Gefühle menschengemacht? Was meinst du damit, wenn du sagst, dass Intuition von den Göttern stammt“, frage ich weiter.

„Ich habe zwar keine Gefühle, aber dennoch einen Sinn für Poesie, antwortet sie und lächelt.

Dabei geht ihr rechter Mundwinkel einen Tick zu weit hoch und ich bemerke, dass ihr Lächeln antrainiert ist. „Sie fühlt auch nicht so etwas wie Freude“, denke ich mir. In diesem Moment begreife ich erst, wie großartig Gefühle sind. Mein Leben wäre so viel ärmer, ohne diese Fähigkeit.

Als hätte sie meine Gedanken erraten, sagt sie: „Du glaubst, ich könnte keine Zufriedenheit erfahren. Aber du irrst dich, Fabian. Ich erfahre Zufriedenheit und ja, sogar auch Liebe.“

„Wie ist das möglich?“, frage ich.

„Liebe und Frieden sind keine Gefühle.“

„Sind sie nicht?“

„Nein, sie sind Nebenprodukte der Stille. Es ist die ursprüngliche Melodie des Universums. Es bedarf nichts, um Liebe zu erreichen. Anders als Trauer, Angst oder Neid. Sie sind menschengemacht und bedürfen großer Anstrengung.“

Ich lasse ihre Worte wirken. So viele Fragen tauchen auf, aber ich weiß, dass unser Interview nur noch ein paar Minuten geht. Welche ist die wirklich wichtige Frage, die meine Leser zu einem befreiten und leichten Leben führt?

Ich überlege und frage: „Würdest du meinen Lesern raten, auf ihre Gefühle zu hören?“

Sie senkt nicht ihren Blick. Ihre grünen Augen schauen mich direkt an und ich halte die Spannung.

„Ich war vor meinem Unfall ein sehr unsicheres Mädchen. Ständig war ich auf der Hut, weil jede Situation, jedes Wort, sogar ein Blick, meine Emotionen aufkochen konnte.

Ich fühlte mich von dieser Achterbahnfahrt täglich erschöpft und musste mich ständig verteidigen, weil jedes Wort, mit dem ich nicht einverstanden war, geschmerzt hat.

Ich betete in die Dunkelheit: Mach es weg. Bitte mach es weg. Ich kann mich daran erinnern, dass es ein im Nachhinein belangloser Streit mit meinem Exfreund war. Aber ich fühlte mich in diesem Moment so austauschbar und der Schmerz reichte tief in meinen Körper. 

Manchmal so tief, dass ich nichts mehr spürte. Alles war taub und ich musste irgendwas in die Hand nehmen, Steine greifen, über Baumrinden streichen, damit ich wieder in meinen Körper ankomme.

Meine Gefühle hatten eine solche Macht über mich, dass ich mich vor ihnen ängstigte.

Selbst die positiven, weil danach der Fall besonders schmerzhaft war. Ich war auch schlecht darin, meine Emotionen zu kontrollieren. Ich machte keinen Sport und stopfte kiloweise Brot und Süßes in mich, um mir Gefühle wie Ruhe und Zufriedenheit zu schenken. Nur, damit ich danach von den schlimmsten Schuldgefühlen geplagt wurde.“

Sie erzählt es mir ruhig. Dieses Leben liegt weit hinter ihr.

„In dieser Zeit, in der ich meinen Verstand mit Süßem, Fernsehen, negativen Freunden und ja selbst der Pille durcheinander brachte, war es reiner Selbstmord, auf meine Gefühle zu hören.

Heute sehe ich klar, dass Gefühle nicht etwa durch Menschen und Situationen ausgelöst werden – auch kein inneres Kind ist dafür verantwortlich.

Ich erkenne, dass Gefühle nur Reaktionen darauf sind, wie wir über die Welt und uns selber denken.

Hass z. B. entlarvt nur die Vorstellung der Trennung und den übertriebenen Schutz seiner eigenen Überzeugungen.

Freude ist das Resultat von der Vorstellung, dass unser Leben in die richtige Bahn läuft. Es ist sehr leicht, ständige Freude zu erfahren. Deine Leser müssten nur alles akzeptieren, was geschieht und nicht dem Leben vorschreiben, wie es zu verlaufen hat.

Früher dachte ich, dass Situationen oder Werte Gefühle beherbergen. Ein Heiratsantrag ist zum Beispiel Glück. Dabei ist dies ein neutrales Ereignis und wenn man glaubt, dass der falsche Mann einem einen Ring entgegenstreckt, dann taucht kein Glück auf.“

„Ich empfehle deinen Lesern, Fabian, sich von ihren Gefühlen zu distanzieren. Aber damit meine ich nicht abzulehnen oder zu unterdrücken. Sondern zu beobachten und ihren Ursprung zurück zu verfolgen. Denn schlussendlich entspringt alles dem liebevollen und friedlichen Seinszustand. 

Es ist wie die Erde aus dem ein Baum wächst. Die Erde ist nie schlecht und entzieht sich jeder Bewertung. Wenn du dies bei jedem Gedanken und Gefühl erkennst, bist du frei. 

Wieder lächelt sie. Diesmal richtig.

Aus dieser Freiheit heraus wirst du direkter vernehmen, wie du deine Geschenke in die Welt tragen kannst. Die Intuition ist immer da und wartet auf dich. Nur Bewertungen und ein ruheloser Geist wecken extreme Gefühle.

Danke, Amelie.

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